Herbsttagung der KHP 2010 in Augsburg
mit Dr. Christian Bauer (Universität Tübingen)
Gemeindereferentin Cordula Hörbe (Bistum Erfurt)
Dr. Helmut Jansen (Jugendkirche Berlin)
Prof. Dr. Thomas Ruster (Universität Dortmund)
Dr. Bernhard Spielberg (Universität Würzburg)
Fremdheit in religiöser Hinsicht: Gütesiegel oder Mängelanzeige?
Kirche hat viele Gesichter, im Bereich der Hochschulen sind es die Hochschulgemeinden, die in universitärer Lebenswelt "andocken". Was wäre das Feld der Hochschulpastoral, die nach Karl Rahner Speerspitze der Pastoral der Moderne ist, weil sie am intellektuellen Puls der Zeit und mit der Möglichkeit der mystagogischen Vertiefung arbeiten kann?
Rückzugsraum in komplexer akademischer Welt, Katalysator mitten im Wissenschaftsbetrieb, in denen drängende Fragen aufgegriffen werden können? Refugium für christlich-geprägte Studierende? Verschiedene wissenschaftliche Zugänge zu Weltverständnis mit einem kirchlichen ins Gespäch bringen? Bei allen Chancen der Hochschulpastoral ist ein Eindruck vieler Kolleginnen und Kollegen aber:
Junge Menschen leben eine "unbestimmte Religiösität", für die sie in der Hochschulpastoral selten Orte und passende Angebote finden. Hier tut sich Fremdheit auf.
Welche Kompetenzen brauchen hochschulpastorale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, um in Bezug auf eine "fremde" religiöse Befindlichkeit sprachfähiger zu werden?
Und wie ist im übrigen mit "Fremdheit" umzugehen?
Dazu gibt es verschiedene Herangehensweisen:
Milieufremdheit?
Nach Ergebnissen der Sinus U27 Studie müssten katholische Hochschulgemeinden ein Anziehungs- und Treffpunkt von spannenden Leuten sein, die überraschen, experimentieren, kreativ sind und aus dem üblichen Muster ausbrechen; die sich persönlich große Ziele gesetzt haben, den lokalen Raum übersteigen und eine internationale Perspektive haben; die sich mit aktueller moderner Musik und mit neuen IT-Technologien auskennen und Avantgarde sind - um für Milieus jenseits der Bürgerlichkeit interessant zu sein.
![]() | Bernhard Spielberg wird uns aus dieser Studie für die hochschulpastorale Landschaft interessante Ergebnisse berichten. Zumindest im Hinblick auf katholische Verbände dominiert die Auffassung, dass kirchliche Angebote Auffangbecken für jene seien, die sonst keinen Anschluss finden, die behäbig und heimatverbunden sind, in biederer Bürgerlichkeit verharren und lokal verhaftet sind - oft dicke, behäbige, langweilige, skurrile, weltfremde Leute. |

Fremdheit zwischen Religion und Christentum?
Ganz anders Thomas Ruster:
Folgt man dem systematischen Theologen aus Dortmund, dann ist es die große Herausforderung, dass der jüdisch-christliche Gott ein Fremder in den Augen der "Welt" und ihrer Erfahrungen ist: Dei Erfahrungen der Menschen in ihrem Alltag sind von "Mächten" beherrscht, die Ruster gut biblisch mit Dämonen und Gewalten bezeichnet: und in der Gegenwart ist die größte Ansammlung von Mächten und Gewalten der allseits anwesende Kapitalismus mit seinen Werbungs- und Zeichensystemen. Religionen, die nach Ruster immer in der Gefahr stehen, zum Götzendienst zu degradieren, versuchen via natürlicher Gotteserkenntnis "also den Gott des christlichen Glaubens mit dem zusammenzudenken, was für alle selbstverständlich Gott ist". Auch im Christentum hat die sogenannte "Anthropologische" Wende nach Ruster den biblischen Gott zwar für die Vorgänge in der modernen Welt "plausibilisiert, er wurde sozusagen zum vertrauten, religionsförmigen Gott: Der Preis dafür ist aber ganz klar die "Verwechslung Gottes mit den Göttern". Jugendliche und ind er Konsequenz dann wohl auch Junge Erwachsene hält er für "treue Anhänger der kapitalistischen Religion", die lebensweltlich ganz oder gar von dieser Religion imprägniert sind". Pastoral von den Erfahrungen dieser Menschen auszugehen hieße nach Ruster, die befreiende biblische Botschaft in ihrem herausfordernden Kern aufzulösen. Fremdheit zwsichen Erfahrungswelt und jüdisch christlicher Religion kann hier als Herausforderung gelten, sich auf den fremden Gott der Bibel einzulassen.

Das Fremde, der/die Andere als Chance
Vom Fremden, vom Anderen her denkt auch der junge praktische Theologe Christian Bauer, allerdings ist es für ihn nicht so sehr die Seite des fremden Gottes, die ihn hochschulpastoral interessiert, sondern bildlich das Lagerfeuer als heterotoper Ort des Anderen, an dem eine alternative Ordnung der Dinge aufscheint. Der Christ der Zukunft, so lässt sich Karl Rahner entsprechend modifizieren, wird in seiner intellektuellen Aufrichtigkeit Gott gegenüber jemand sein, der am Lagerfeuer des Evangeliums "etwas erfahren" hat oder er wird in der Tat "nicht mehr" sein. Erfahrung meint in diesem Zusammenhang "etwas, woraus ich verändert hervorgehe", so die genial einfache Definition Michel Foucaults. Die in diesem Sinn verändernde geistliche Kraft des Evangeliums ist heutzutage nicht mehr unterhalb eines gewissen Komplexibilitätsgrades zu entdecken - zumindest nicht für intellektuell wache Zeitgenossen. Es gibt sie in der Welt von heute nur noch als eine, so Edward Schillebeeckx, reichlich vermittelte "Erfahrung mit Erfahrungen", die es nicht außerhalb oder oberhalb der Differenzierungen meines Lebens gibt, sondern nur in ihnen und durch sie hindurch. Im Gegensatz zu Ruster ist Bauer also sehr positiv gegenüber dem Erfahrungshorizont (heutiger) Menschen eingestellt.

Gesetzt den Fall, dass sich der christliche Glaube tatsächlich nur noch ästhetisch vermitteln und leben ließe - also erlebbar sein müsse -, so bliebe er doch weiterhin inhaltlich nicht nur an theologische sondern auch philosophisch-anthropologische Kriterien gebunden und wäre deshalb als freie Antwort des Menschen auf Gottes Heilsgeschehen hin zu explizieren: Die Ansprechbarkeit und Antwortfähigkeit des Menschen, kurz: seine unhintergehbare Freiheit, blieben der Ausgangspunkt und das Ziel allen pastoralen Handelns. Nach Jansen besteht nicht nur eine Fähigkeit, sondern auch eine dieser Freiheit innewohnende Verpflichtung, sich allem gegenüber in ein Verhältnis zu setzen. Als primärer Gegenstand der personkonstitutiven Setzung könne vor allem das Erleben selbst geltend gemacht werden: Hier trifft der Mensch im Kontext der Welt auf sich selbst. In der Öffnung gegenüber seinem Erleben begegnet er sich selbst als ein zugleich Fremder und akzeptiert seine fragmentarische Identität und Erlösungsbedürftigkeit. Die Pastoral habe deshalb nicht Erlebnisse anzubieten, innerhalb derer sich Menschen als geschlossene Identitäten erfahren können. Sie habe vielmehr zu den Erlebensorten zu führen, an denen das Leben brüchig ist: Zu den Lecks der ästhetischen Selbstinszenierung, an denen das Ungeahnte und nicht für möglich Gehaltene einsickern kann. Ermutigend sei eine solche Pastoral, da sie ausgehend von Gottes Heilshandeln in Christus eine Öffnung zur eigenen Fremdheit erst sinnvoll denken lässt.
Thesen:
1) Wir müssen die anästhetische Wirkung der Pastoral erkennen, wenn
sie geschlossen- ästhetische Lebensstile anbietet.
2) Wir müssen in der Pastoral von einer Reziprozität von Glauben-Lernen
und Personwerdung ausgehen.
3) Wir müssen eine Pastoral entwerfen, die Menschen zu "nichtängstli-
chen Grenzgängern" macht, indem sie sie zu Orten verdichteten
Erlebens begleitet, sie aus dem Glauben heraus zu einer freiheits-
gemäßen Selbstsetzung gegenüber dem Erleben ermutigt und
Handlungsfelder gläubiger Praxis ermöglicht, damit Glaube lebbar
und für andere erlebbar wird.

Fremde Kirche als Fascinosum?
Einen etwas andern Ausgangspunkt hinsichtlich der Pastoral mit jungen Menschen hat Cordula Hörbe, Gemeindereferentin im Bistum Erfurt. Sie hat erlebt, dass eine fremdgewordene Kirche für junge Menschen, die keinerlei Erfahrung mit ihr haben, durchaus attraktiv ist: ein bespielhaftes Projekt ist die "Lebenswendfeier":
Am Anfang der Gestaltung einer "Lebenswendfeier" stand der Wunsch von konfessionslosen Jugendlichen nach einem Fest an der Schwelle zum Jugend- und Erwachsenenalter. Für junge Christen ist dieses Fest die katholische Firmung oder die evangelische Konfirmation. Jugendlichen ohne Kirchenzugehörigkeit steht zwar weiterhin das Angebot der Jugendweihe offen - jetzt ohne sozialistisches Gelöbnis -, aber nicht jeder will daran teilnehmen.
Dompfarrer Hauke sorgte für eine Alternative und nannte sie "Feier der Lebenswende". Auf der Grundlage christlicher Literatur wird bei den Vorbereitungstreffen über die Lebenswende vom Kind zum Jugendlichen und Erwachsenen nachgedacht. Mit dem Erfurter Dom erhielt diese Feier einen Ort, der zur Besinnung, Feier und Freude über den bewussten Schritt in einen neuen Lebensabschnitt einlädt.
Geplante Workshops:
- Ausländische Studierende und Fremdheitserfahrungen
- Fremdheitserfahrung/Skepsis gegenüber "Erfahrung"
- Eventund Erlebnis als Weg für die Pastoral?
- Lebenswenden - Glaubenswenden
- "Ich kann nur katholisch" - Brauchen wir Fremdheitserfahrungen/-ansprüche?
- Exoten in der KHG!: (Kunst, Kultur, Politik)
- Medien als religiöse Orte
Verantwortlich für die Tagungsvorbereitung:
Franz Geitner, KHG Eichstätt
Richard Hübner, KHG Würzburg
Christoph Klock, KHG Mainz
Alfons Motschenbacher, KHG Bamberg
P. Sebastian Tönnesen, KHG Augsburg
Andreas Prokopf, Forum Hochschule und Kirche e.V.,Bonn
Tagungsort:
Haus St. Ulrich
Kappelberg 1
86140 Augsburg
Tel.: +49(0)821 / 31 520
Email: info@haus-st-ulrich.de
http://www.haus-st-ulrich.de
Anmeldebedingungen:
Anmeldeschluss ist der 10. Juli 2010
Anmeldungen an: gross@fhok.de (Elke Groß-Sander)
oder auf unserer Homepage online.
Weitere Informationen:
Konferenz für Katholische Hochschulpastoral (KHP)
c/o Forum Hochschule und Kirche e.V.
Dr. Andreas Prokopf
Rheinweg 34, 53113 Bonn
Telefon: (0228) 92367-22
Fax: (0228) 92367-15
Email: prokopf@fhok.de
Bankverbindung:
Sparkasse Köln/Bonn, BLZ: 37050198
Konto-Nr. 226 444 8
KENNWORT: Herbsttagung 2010










