
Die Pläne der Bundesregierung für ein Nationales Stipendienprogramm, die in der kommenden Woche im Kabinett verabschiedet werden sollen, stoßen bei den 125 Katholischen Hochschulgemeinden in Deutschland auf Skepsis. Jürgen Weber, 1. Vorsitzender des Forums Hochschule und Kirche und Hochschulpfarrer in Mannheim, sieht große Fragen im Blick auf die konkrete Verwirklichung des Zieles, gerade Studienberechtigte aus einkommensschwachen und bildungsfernen Schichten zur Aufnahme eines Studiums zu ermutigen. Für problematisch hält er auch die regionalen und fachlichen Verzerrungen in der Verteilung öffentlicher Fördermittel, die wegen des übermäßig großen Einflusses von privaten Geldgebern auf die Stipendienvergabe zu befürchten sind. Grundsätzlich begrüßen die Hochschulgemeinden die Förderung einer Stipendienkultur in Deutschland. Öffentliches Geld des Bundes und der Länder sollte jedoch gezielter zur Förderung von mehr Gerechtigkeit in der Bildungsbeteiligung eingesetzt werden. Dringend erforderlich wären flächendeckende Programme zur "Ermutigung zum Studium" (z.B. Mentoringprojekte) für Schüler aus einkommensschwachen und bildungsfernen Schichten, auch solche mit Migrationshintergrund. Sinnvoll wäre eine grundlegende Neuordnung der öffentlichen Studienfinanzierung. Ein übereilt entwickeltes Nationales Stipendienprogramm kann einer solchen Neuordnung möglicherweise im Weg stehen.
Im Eiltempo bereitet das Bundesbildungsministerium (BMBF) zurzeit die Gesetzge-bung für ein Nationales Stipendienprogramm (NaStip) vor. „Angesichts der Tatsache, dass das nordrheinwestfälische Stipendienprogramm von Minister Pinkwart - sozu-sagen die Blaupause für das Gesetz - kaum ein Jahr in Kraft ist, hat diese Eile wenig mit kluger Politik, aber viel mit übereiltem Aktionismus zu tun“, erklärt der Mannhei-mer Hochschulpfarrer Jürgen Weber, der als 1. Vorsitzender dem Forum Hochschule und Kirche (FHoK) vorsteht, der Dachorganisation der Katholischen Hochschulseel-sorge in Deutschland. Der Vorstand des FHoK bereitet eine ausführliche Stellung-nahme zu dem Gesetzesprojekt vor. Er begrüßt grundsätzlich das Anliegen der Bun-desregierung, eine neue private Stipendienkultur in Deutschland zu fördern. „Wenn man dies mit öffentlichen Geldern des Bundes und der Länder tut, so muss man sehr genau überlegen, wie die Mittel möglichst effizient zur Erreichung der Ziele eines solchen Stipendienprogramms eingesetzt werden“, meint Jürgen Weber.
Zum NRW-Stipendienprogramm gibt es bisher keinerlei seriöse Auswertungen was die Fragen der Umsetzung in den Hochschulen und die Erreichung der bildungspoli-tischen Ziele betrifft. „Wenn das Gesetzesvorhaben von Ministerin Schavan nun ge-rade die Vorbeugung gegenüber regionalen Ungleichgewichten in der Studienförde-rung und die Ermutigung von Studienberechtigten aus bildungsfernen und einkom-mensschwachen Schichten zum Ziel erklärt, so sollten dazu erst einmal verlässliche Erfahrungswerte aus dem ‚Pilotland NRW’ gesammelt werden.“ Der Vorstand des Forums hat gravierende Bedenken, dass die im Gesetzesentwurf vorgesehenen Kri-terien und Verfahren der Stipendiatenauswahl nicht zu einer gebührenden Berück-sichtigung von Faktoren neben der rein fachlichen Studienleistungen führen werden. Diese Berücksichtigung ist aber für die Erhöhung der Bildungsgerechtigkeit ent-scheidend. „In der konkreten Umsetzung werden die ohnehin schon überforderten Gremien der Hochschulen in ihrer Mehrheit schlicht auf eine Bewertung von Kandi-daten nach Notenschnitten zurückgreifen“, meint Jürgen Weber. „Und damit haben dann Studierende aus bildungsfernen oder einkommensschwachen Schichten wie-der die von den Begabtenförderwerken bereits sattsam bekannten ‚kürzeren Spieße’ im Vergleich zu ihren Kommilitoninnen und Kommilitonen aus der bürgerlichen Mit-tel- und Oberschicht unseres Landes.“
Hinzu kommt die Gefahr, dass einzelne Fächer oder bestimmte Studierendengrup-pen in überproportionaler Weise mithilfe öffentlicher Mittel gefördert werden. Sie ent-steht durch die Möglichkeit der privaten Geldgeber, für bis zu zwei Drittel der Stipen-dien besondere Zwecke festzusetzen. „Auch regional dürfte es extreme Unterschie-de im Vermögen der Hochschulen geben, private Geldgeber für Stipendienprojekte zu gewinnen. Das kann ich aus der Erfahrung der in diesem Punkt schon sehr akti-ven Mannheimer Universität sagen, die natürlich in einem sehr privilegierten Umfeld, aber auch hier nicht mühelos agiert“, sagt Jürgen Weber. „Natürlich böte ein Natio-nales Stipendienprogramm auch für uns als Kirche eine echte Chance, z.B. auslän-dische Studierende aus Entwicklungs- und Schwellenländern gezielt und mit öffentli-cher Unterstützung zu fördern. Allein als katholische Kirche geben wir für diese Ziel-gruppe aus eigenen Mitteln jährlich weit über 1 Mio. Euro in Form von Unterstüt-zungsfonds und Kleinstipendien aus, neben ca. 3,8 Mio. Euro im Stipendienpro-gramm des KAAD“, ergänzt Lukas Rölli, Geschäftsführer des FHoK.
Bedenklich erscheint dem Vorstand des Forums in diesem Zusammenhang jedoch die Tatsache, dass gleichzeitig mit der Entwicklung des NaStip-Gesetzes, das im-merhin Bundesmittel in Höhe von bis zu 150 Mio. Euro vorsieht, im Auswärtigen Amt geplant wird, die Mittel für die Stipendienförderung von ausländischen Studierenden in Deutschland im Kulturetat deutlich zu kürzen. „Hier wird offenbar, dass diese Re-gierung einseitig an einem Brain-Gain ausländischer Studierender interessiert ist. Für die Entwicklungsländer und deren Aufbau von höheren Bildungsstrukturen ist das Gift“, erklärt Lukas Rölli.
Die Unmutsbekundungen zahlreicher Stipendiaten in den Begabtenförderungswer-ken im Blick auf die soziale Ausgewogenheit der nationalen Stipendienpolitik (vgl. Zeit-online vom 14. April) sollte der Bundesregierung nach Meinung von Jürgen We-ber zu denken geben. Die Unterstützung dieser besonderen Zielgruppe Studierender mit öffentlichen Geldern über die Begabtenförderungswerke sei angesichts von de-ren Verpflichtung zu einem ideellen Förderprogramm der Stipendiaten durchaus ge-rechtfertigt. In diesen Programmen würden ja durchaus Grundwerte und Schlüssel-qualifikationen für ein zivilgesellschaftliches Engagement gefördert. Die protestieren-den Stipendiaten wiesen aber deutlich darauf hin, wo die eigentliche Aufgabe der Bundesregierung im Bereich der Studienfinanzierung liege: in der zielgenauen För-derung von mehr Bildungsgerechtigkeit! „Dazu wäre nicht nur eine grundlegende Neuordnung der gesamten Studienfinanzierung hilfreich. Viel notwendiger wären noch breite Anreize für nichtmonetäre ‚Ermutigungsprogramme zum Studium’. Hier sind auch wir als Kirche an den Hochschulen gefordert, kreative Beiträge zu entwi-ckeln“, erklärt Jürgen Weber. „Vielleicht wäre es klüger, im Rahmen des Qualitäts-paktes Lehre solche Programme zu entwickeln und mit dem Nationalen Stipendien-programm noch zwei, drei Jahre Erfahrungen in NRW abzuwarten.“
Das Forum Hochschule und Kirche hat sich bereits 2009 in allgemeiner Form mit dem Thema Bildungsgerechtigkeit im Kontext der Bolognareform geäußert (vgl. folgende Stellungnahme).








